Interview: Sonali Gupta (AMINA Bank) zur Widerstandskraft von Bitcoin in Turbulenzen
- Bitcoin zeigt Widerstandskraft, während geopolitische Spannungen Volatilität an den Weltmärkten auslösen.
- Derivate, Hebelbereinigung und institutionelle Zuflüsse prägen die Dynamik des Kryptomarktes.
- Regulatorische Verschiebungen und Infrastrukturwachstum werden als Treiber der nächsten Krypto-Phase gesehen.
Jüngste geopolitische Spannungen haben scharfe Ausschläge an den Weltmärkten ausgelöst, mit steigenden Ölpreisen, einem stärkeren Dollar und unter Druck geratenen Aktienmärkten.
Bitcoin hingegen zeigte relative Widerstandskraft, was neue Debatten über seine Rolle in Phasen makroökonomischer Unsicherheit ausgelöst hat.
Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung notiert die Kryptowährung bei rund $74,000.
Obwohl die Korrelationen mit Risikoanlagen stark bleiben, haben sich kurzfristig Divergenzen gezeigt.
In diesem Interview erörtert Sonali Gupta, Senior Research Analyst bei AMINA Bank, die Treiber hinter der jüngsten Outperformance von Bitcoin, die Auswirkungen von Derivaten und institutionellen Zu- und Abflüssen sowie wie sich Regulierung, Marktzyklen und Infrastrukturentwicklungen in den kommenden Monaten auf die Entwicklung der Kryptomärkte auswirken könnten.
Hier Auszüge in redigierter Form:
Invezz: In den vergangenen Wochen haben die Märkte scharf auf geopolitische Entwicklungen reagiert. Wie werten Sie die Vorgänge über die Anlageklassen hinweg?
Gupta zufolge hat die jüngste geopolitische Eskalation die globalen Märkte deutlich beeinflusst, insbesondere über Energiepreise und Währungsbewegungen.
„Bitcoin ist in den letzten Wochen trotz erhöhter globaler Unsicherheit gestiegen“, sagt sie.
Der geopolitische Schock, darunter Angriffe auf regionale Öl-Infrastruktur und Störungen in der Straße von Hormus, trieb die Ölpreise deutlich nach oben, bevor es nach Interventionen der Internationalen Energieagentur zu einer gewissen Stabilisierung kam. Selbst nach der Korrektur bleiben die Ölpreise deutlich erhöht.
„Wir wissen, dass Angriffe auf Raffinerien in der Golfregion und die Sperrung der Straße von Hormus Öl- und Gaspreise auf neue Höchststände getrieben haben.“
Höhere Ölpreise und ein starker Dollar belasteten die Aktienmärkte, doch Bitcoin hielt sich vergleichsweise gut.
Gupta führt einen Teil dieser Widerstandskraft auf frühere Marktbedingungen zurück.
Ein bedeutendes Liquidationsereignis in den ersten Monaten des Jahres spülte Hebel aus dem System, während Positionierungen in Derivaten und auslaufende Short-Positionen ebenfalls zur jüngsten Bewegung beitrugen.
Invezz: Bitcoin wird häufig wie eine hochriskante Tech-Aktie gehandelt. Dennoch hat es sich jüngst etwas von den Aktien entkoppelt. Woran liegt das Ihrer Einschätzung nach?
Gupta räumt ein, dass Bitcoin historisch eine starke Korrelation zu Aktien gezeigt hat.
„Nach meiner Erfahrung korreliert Krypto stärker mit den Aktienmärkten oder mit hochriskanten Beta-Aktien.“
Über kürzere Zeiträume kann die Korrelation zwischen Krypto und Aktien über 80 % liegen.
Die Beziehung ist jedoch nicht konstant. In Phasen geopolitischer Belastung kann Krypto temporär divergieren.
„Bitcoin ist eine deutlich kleinere Assetklasse als Gold… aber wir sehen, dass Krypto in Zeiten geopolitischer Spannungen gegenüber Gold aufholt und als Absicherungsinstrument wirkt.“
Sie weist darauf hin, dass solche Divergenzen meist vorübergehend sind, betont jedoch, dass sich die Marktmechanik von Bitcoin weiterentwickelt, während die Assetklasse reift.
Invezz: Gold hat sich in dieser Phase nicht so stark entwickelt, wie einige Investoren erwartet hatten. Warum hat sich Bitcoin Ihrer Ansicht nach besser gehalten?
Gupta erklärt die relative Stärke von Bitcoin mit mehreren marktspezifischen Faktoren, insbesondere der vorherigen Hebelbereinigung und der veränderten institutionellen Positionierung.
„Das erste ist die Hebelbereinigung, die im Monat Februar stattfand.“
Bitcoin notiert derzeit deutlich unter seinem früheren Höchststand, und erheblicher Verkaufsdruck Anfang des Jahres drückte Schlüsselkennzahlen auf historisch niedrige Niveaus.
Als einen Indikator hebt sie den Coinbase Premium Index hervor.
„Der Coinbase Bitcoin Premium Index war wochenlang negativ, und nun sehe ich ihn im März in den positiven Bereich drehen.“
Dieser Wandel deutet auf erneuerte Nachfrage von in den USA ansässigen Käufern hin.
Gleichzeitig sind die Profitabilitätsindikatoren im Bitcoin-Netzwerk auf Niveaus gefallen, die zuletzt im Abschwung 2022 gesehen wurden.
„Die Bitcoin-Profitabilität ist jetzt so niedrig… die monatlichen Durchschnittsprofit-Signale liegen auf dem Niveau von 2022.“
Solche Bedingungen haben historisch mit möglichen Marktwendepunkten zusammengepasst.
Gupta stellt zudem fest, dass die institutionelle Allokation gegenüber Krypto relativ klein bleibt.
„Die Bitcoin-Allokation von Institutionen gegenüber Krypto lag im Schnitt unter 5 %.“
Diese begrenzte Allokation bedeutet, dass makroökonomische Schocks die Kryptomärkte weniger direkt treffen als traditionelle Assets, auch wenn Preisbewegungen oft gleichzeitig erfolgen.
Invezz: Mit Blick nach vorn—wie könnte sich der Markt entwickeln, je nachdem, wie sich die geopolitische Lage entfaltet?
Gupta sagt, die Schlüsselfrage für die Märkte bleibe die Unsicherheit.
„Aktien- bzw. Risikomärkte hassen Unsicherheit.“
Wenn sich die geopolitischen Spannungen entspannen, könnten sich mehrere makroökonomische Faktoren gleichzeitig verschieben.
Die Ölpreise würden wahrscheinlich fallen, der Dollar könnte schwächer werden und Erwartungen an Zinssenkungen könnten zurückkehren.
„In dem Moment, in dem der Konflikt sich einer Lösung nähert, werden wir Auswirkungen sehen: sinkende Ölpreise, einen schwächeren Dollar… und generell eine Risk-on-Stimmung.“
Sie betont jedoch, dass die Kryptomärkte auch interne Katalysatoren haben, die unabhängig von makroökonomischen Entwicklungen wirken. Ein Beispiel ist der regulatorische Fortschritt in den Vereinigten Staaten.
„Zum Beispiel der Clarity Act, der derzeit im US-Markt diskutiert wird.“
Die vorgeschlagene Gesetzgebung könnte die Klassifizierung bestimmter digitaler Vermögenswerte ändern und damit breitere institutionelle Beteiligung ermöglichen.
Solche Änderungen könnten die institutionelle Nachfrage nach Krypto durch strukturierte Investmentprodukte erheblich ausweiten.
Invezz: Welche Hauptkatalysatoren sehen Sie, die die Kryptomärkte in den kommenden Jahren anheizen könnten?
Gupta ist der Ansicht, dass der Kryptomarkt weiterhin zyklischen Mustern folgt.
„Ich neige dazu, den zyklischen Aspekt des Kryptowährungsmarktes zuzugeben… die Vier-Jahres-Zyklen.“
Seit ihrem Einstieg in die Branche 2017 habe sie mehrere Zyklen beobachtet und glaubt, dass dieses Muster weiterhin die Anlegerstimmung beeinflusst.
Über zyklische Faktoren hinaus sieht sie den Ausbau der Infrastruktur als wichtigen Treiber der nächsten Wachstumsphase.
„Mehr institutionelle Exposition gegenüber Kryptowährungen… durch die Bemühungen der Tokenisierung.“
Große Finanzinstitute prüfen zunehmend blockchainbasierte Abwicklungssysteme und tokenisierte Finanzprodukte.
Entwicklungen rund um tokenisierte Aktien und digitale Asset-Infrastruktur sind bereits im Gange.
„Wir haben gesehen, wie sich viele Infrastrukturentwicklungen im Jahr 2025 formten.“
Für Gupta könnte die nächste Marktphase weniger von Spekulation und mehr von Integration mit traditionellen Finanzsystemen geprägt sein.
„Ich denke, 2026 wird weniger von Stimmung getrieben sein… vielmehr vom Aufbau von Infrastruktur.“
Invezz: Zuflüsse in Bitcoin-ETFs waren zuletzt stark. Was könnte diesen Trend antreiben?
Gupta erklärt, dass ETF-Zuflüsse oft mit Dynamiken im Derivatemarkt verknüpft sind und nicht nur mit einfacher Spot-Nachfrage.
„Oftmals… investieren Institutionen in BTC-Spot-ETFs eher, um die positive Funding-Rate in den Derivatemärkten zu verdienen.“
Da die Derivatemärkte größer werden als die Spotmärkte, können institutionelle Investoren ETF-Exposition als Teil breiterer Handelsstrategien nutzen.
„Und je mehr Volumen wir im Derivatemarkt sehen, desto mehr Zuflüsse haben wir auch in die BTC-Spot-ETFs beobachtet.“
Sie glaubt, dass diese Dynamik eine kurzfristige Erholungsrallye auslösen könnte, warnt jedoch, dass die Volatilität voraussichtlich hoch bleibt.
„Wir befinden uns weiterhin in einem hochvolatilen Umfeld.“
Ein großer Teil der Markt-Exposition erfolgt heute über strukturierte Produkte, Derivate und Yield-Strategien statt über direkte Spot-Käufe.
Invezz: Einige Kritiker sagen weiter voraus, dass Bitcoin dramatisch fallen könnte, bis auf $10,000 oder $20,000. Wie reagieren Sie auf solche Einschätzungen?
Gupta betrachtet solche Vorhersagen überwiegend als spekulativ.
„Ich würde sagen, ihre Reaktionen und Überzeugungen sind eher Meme oder Rauschen.“
Sie argumentiert, dass bei niedrigeren Kursniveaus weiterhin starke Nachfrage nach Bitcoin bestehe, sowohl von institutionellen Investoren als auch von privaten Teilnehmern.
„Ich sehe eine massive Nachfrage auf unteren Niveaus sowohl aus dem institutionellen als auch dem Retail-Markt.“
Generell sagt sie, dass die meisten Marktteilnehmer in der Branche grundsätzlich optimistisch gegenüber der Assetklasse bleiben.
„Man kann nicht in diesem Bereich sein, ohne voreingenommen, emotional engagiert oder absolut bullisch zu sein.“
Invezz: Abschließend—was erwarten Sie für Bitcoin im verbleibenden Jahresverlauf?
Gupta hält die Aussichten für das Jahr für konstruktiv.
„Ich denke, wir werden definitiv über $100k am Ende dieses Jahres liegen.“
Auch wenn die Volatilität voraussichtlich anhalten wird, hält sie ein sechsstelliges Kursniveau angesichts der Kombination aus institutioneller Adoption, Marktzyklen und sich entwickelnder Infrastruktur für ein realistisches Ergebnis.
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