Sind wir Zeugen des größten Wandels in den Volkswirtschaften der Eurozone?

Sind wir Zeugen des größten Wandels in den Volkswirtschaften der Eurozone?
Dionysis Partsinevelos
30. Sept. 2024, 21:05 PM
  • Südeuropa, angeführt von Spanien, Griechenland und Portugal, verzeichnet ein schnelleres Wachstum als der Durchschnitt der Eurozone.
  • Deutschland ist mit einer Stagnation konfrontiert, während Frankreich mit haushaltspolitischer Unsicherheit und steigender Verschuldung kämpft.
  • Die EZB steht unter zunehmendem Druck, ihre derzeitige Geldpolitik zu überdenken.

Die Eurozone, deren historischer Mittelpunkt die Wirtschaftsmächte Deutschland und Frankreich sind, erlebt derzeit einen dramatischen Wandel in ihrer Wirtschaftsentwicklung.

Während Deutschland in den letzten Monaten mit Stagnation und Frankreich mit finanzpolitischen Unsicherheiten zu kämpfen hatte, erwiesen sich die südeuropäischen Nachbarn in der Region als unerwartete Lichtblicke.

Länder wie Spanien, Griechenland und Portugal, die während der Finanzkrise abgeschrieben worden waren, machen beeindruckende Fortschritte und positionieren sich als neue Wachstumsmotoren in der Eurozone.

Das Wiederaufleben Südeuropas

Spanien, Griechenland und Portugal haben seit ihrer Schuldenkrise zu Beginn der 2010er Jahre einen bemerkenswerten Wandel durchgemacht.

Diese Länder, die von der Eurokrise am härtesten getroffen wurden, haben sich zu den am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften der Region entwickelt.

In Spanien und Griechenland werden in diesem Jahr Wachstumsraten von über zwei Prozent erwartet, deutlich mehr als der Durchschnitt der Eurozone von 0,8 Prozent. Portugal folgt dicht dahinter. Sein starkes Wirtschaftswachstum wird von einer Kombination aus Tourismus, Exporten und Strukturreformen angetrieben.

Die Erholung in diesen Ländern ist nicht nur das Ergebnis konjunktureller Faktoren wie eines Tourismusbooms nach der Pandemie.

Ein jahrelanger Reform- und Investitionsprozess hat die Grundlage für nachhaltigeres Wachstum gelegt.

Spanien etwa profitierte von der sinkenden Inflation. Die Inflationsrate sank im September auf 1,7%, was den Druck auf Haushalte und Unternehmen gleichermaßen verringerte.

Unterdessen ist die wirtschaftliche Erholung Griechenlands vor allem auf die erfolgreiche Rückkehr in die Kategorie „Investment-Grade“ zurückzuführen – eine bemerkenswerte Leistung für ein Land, das während der zehnjährigen Krise ein Viertel seiner Produktion einbüßte.

Auch Portugal konnte seinen Schuldenstand senken und seine Haushaltslage hat sich im Vergleich zu den dunklen Zeiten der Austeritätspolitik deutlich verbessert.

Der Tourismussektor des Landes floriert weiterhin, es gibt jedoch auch eine deutliche Verlagerung hin zu höherwertigen Branchen wie Technologie- und Biotech-Dienstleistungen.

Griechenland und Spanien verfolgen ähnliche Entwicklungen und verlassen sich dabei nicht mehr auf den Billigtourismus, sondern ziehen Investitionen in fortschrittlichere Sektoren an.

Haben die Kraftpakete jetzt Probleme?

Während Südeuropa eine wirtschaftliche Renaissance erlebt, lässt sich das Gleiche von Deutschland und Frankreich, den traditionellen Säulen der Eurozone, nicht behaupten.

Deutschland, die größte Volkswirtschaft Europas, steckt derzeit in der Stagnation.

Die Industrieproduktion ist seit über zwei Jahren rückläufig. Wichtige Branchen wie das verarbeitende Gewerbe und die Automobilindustrie haben Mühe, sich von einer Kombination aus Energiepreisschocks, einer schwächeren Nachfrage aus China und den Folgen der Ukraine-Krise zu erholen.

Der Ifo-Geschäftsklimaindex, der die Stimmung in der deutschen Wirtschaft misst, ist seit fünf Monaten in Folge rückläufig. Im September lag der Index bei 85,4 und deutet damit auf einen anhaltenden Abschwung hin.

Die Autobauer des Landes, darunter Volkswagen und BMW, bekommen die Krise zu spüren. Der Autobauer erwägt aus Kostengründen sogar, erstmals in seiner Geschichte ein deutsches Werk zu schließen.

Frankreich steht unterdessen vor ganz anderen Herausforderungen. Zwar ist die Inflation auf 1,5% gesunken, den niedrigsten Stand seit über drei Jahren, doch die Haushaltslage des Landes wird zunehmend prekärer.

Die Staatsausgaben bleiben hoch und die Schuldenquote des Landes gibt weiterhin Anlass zur Sorge. Im Juni 2024 erhielt Frankreich eine Herabstufung durch S&P Global Ratings, was die wachsenden Haushaltsrisiken weiter verdeutlicht.

Die Anleger beginnen, dies zu bemerken, denn die Renditen französischer Staatsanleihen stiegen höher als die spanischer – eine Umkehrung der historischen Norm.

Diese wirtschaftlichen Herausforderungen werden durch die politische Unsicherheit sowohl in Deutschland als auch in Frankreich noch verschärft.

Insbesondere in Frankreich ist ein Aufstieg populistischer und rechtsextremer Parteien zu verzeichnen, die die politische Landschaft zu destabilisieren drohen.

Alle oben genannten Faktoren werfen Fragen auf, ob diese Länder in der Lage sind, die notwendigen Reformen umzusetzen, um das Wachstum anzukurbeln und das Vertrauen wiederherzustellen.

Müssen wir mit einem Wandel der Situation in der Eurozone rechnen?

Der Wandel in der Wirtschaftslage der Eurozone könnte die Zukunft der Region für immer beeinflussen.

Jahrelang galten Deutschland und Frankreich als wirtschaftliche Anker, die für Stabilität sorgten und das Wachstum in der gesamten Eurozone ankurbelten.

Doch nun treten Spanien, Griechenland und Portugal ins Rampenlicht und widerlegen die Darstellung, Südeuropa sei wirtschaftlich schwach und auf Almosen der reicheren Länder im Norden angewiesen.

Dieser Wandel hat nicht nur die Wahrnehmung verändert, er beeinflusst auch die europäische Politik.

Die Europäische Zentralbank (EZB) sieht sich einem wachsenden Druck ausgesetzt, ihre geldpolitische Strategie zu überdenken.

Da die Inflation in den südlichen Regionen unter Kontrolle ist, gibt es starke Argumente für eine Senkung der Zinssätze zur Ankurbelung des Wachstums.

Allerdings lassen sich die politischen Entscheidungsträger der EZB nicht so leicht unterkriegen.

Sie betonen immer wieder, dass im Dienstleistungssektor weiterhin potenzielle Risiken lauern und sind besorgt über eine weitere Verschlechterung der ohnehin fragilen wirtschaftlichen Lage Deutschlands.

Gleichzeitig wirft dieser Wandel der Situation allgemeinere Fragen über das künftige Kräfteverhältnis innerhalb der Eurozone auf.

Können Deutschland und Frankreich ihre frühere Wirtschaftsstärke zurückgewinnen oder werden sie von den aufstrebenden Sternen Südeuropas in den Schatten gestellt?

Spanien, Griechenland und Portugal beweisen derzeit, dass sie das Potenzial haben, die wirtschaftliche Erholung der Region anzuführen. Ihr Erfolg stellt die etablierte Ordnung in Frage.

Was sind die Erwartungen für die Zukunft?

Da Südeuropa die historisch dominierenden Volkswirtschaften Deutschlands und Frankreichs weiterhin überflügelt, könnten die Anleger ihren Fokus allmählich von traditionellen Märkten wie dem DAX und dem CAC 40 abwenden.

Der anhaltende Transformationsprozess in Spanien, Portugal und Griechenland – angetrieben durch robustes Wachstum, eine verbesserte Haushaltslage und eine Diversifizierung in höherwertige Industrien – hat diese Länder zunehmend attraktiver gemacht.

Während die Konjunkturflaute in Deutschland und die Haushaltsprobleme in Frankreich das Vertrauen der Anleger belasten, könnten die südeuropäischen Märkte europäischen Anlegern einen Hoffnungsschimmer bieten.

Die Stabilität und das Wachstumspotenzial dieser bislang übersehenen Volkswirtschaften könnten die Kapitalflüsse in Europa neu definieren und sowohl für inländische als auch für internationale Investoren neue Chancen schaffen.