Chinas Wendepunkt: Eine Entscheidung, die die wirtschaftliche Zukunft des Landes bestimmen wird

Chinas Wendepunkt: Eine Entscheidung, die die wirtschaftliche Zukunft des Landes bestimmen wird
Dionysis Partsinevelos
20. Nov. 2024, 08:18 AM
  • Chinas Abhängigkeit von kurzfristigem Wachstum hat entscheidende Strukturreformen verzögert.
  • Eine schwache Industrieproduktion und ein schwächelnder Immobilienmarkt belasten die Wirtschaft.
  • Trumps Zölle und Spannungen im Technologiesektor erhöhen den Druck auf Chinas globale Ambitionen.

Jahrelang war Chinas Wirtschaft auf kurzfristiges Wachstum ausgerichtet, oft auf Kosten der Beseitigung tiefer liegender struktureller Mängel.

Von der schwächelnden Immobilienwirtschaft bis hin zur Abhängigkeit von Staatsunternehmen – die Risse im Fundament lassen sich immer schwerer ignorieren.

Angesichts des zunehmenden globalen Drucks und der immer schwieriger zu erreichenden Wachstumsziele steht das Land nun vor einem entscheidenden Moment.

Wird Peking seinen Kreislauf der schnellen Lösungen fortsetzen oder wird es sich den systemischen Problemen stellen, die seine wirtschaftliche Zukunft bedrohen?

Schwache Industrieproduktion, aber starker Konsum

Aktuelle Daten des Nationalen Statistikamts zeigen eine Verlangsamung der Industrieproduktion, die im Oktober um 5,3 Prozent wuchs und damit leicht unter dem im September verzeichneten Wachstum von 5,4 Prozent lag.

Das Tempo blieb auch hinter den Markterwartungen von 5,6 % zurück.

Dies deutet auf eine Schwäche des verarbeitenden Gewerbes hin, das seit langem einen Eckpfeiler des chinesischen Wirtschaftsmodells bildet.

Auf der Verbraucherseite ist eine gewisse Erleichterung zu verzeichnen. Die Einzelhandelsumsätze stiegen im Oktober um 4,8 Prozent und verzeichneten damit den stärksten Anstieg seit Februar.

Der Aufschwung war auf das Shopping-Festival „Singles‘ Day“ zurückzuführen, bei dem die E-Commerce-Umsätze um 26,6 % auf 1,44 Billionen Yuan anstiegen.

Die Konsumerholung ist ein Spiegel der Konjunkturmaßnahmen Pekings. Doch die Frage bleibt: Ist diese Erholung ohne tiefer greifende Veränderungen bei Einkommen und Beschäftigung nachhaltig?

Eine Wohnungskrise ohne einfache Lösung

Der chinesische Immobiliensektor, einst ein wichtiger Wachstumsmotor, hat weiterhin zu kämpfen.

Die Immobilienverkäufe sind seit Jahresbeginn bis Oktober um 15,8 Prozent gefallen, was eine leichte Verbesserung gegenüber dem Rückgang von 17,1 Prozent im September darstellt.

Allerdings gehen die Investitionen in den Immobiliensektor noch immer zurück und die Probleme des Sektors greifen auch auf verwandte Branchen über - von der Bauwirtschaft bis hin zur Kommunalfinanzierung.

Die lokalen Regierungen sind in hohem Maße auf die Einnahme von Landverkäufen angewiesen und ertrinken in Schulden.

Diese finanziellen Belastungen schränken ihre Fähigkeit ein, in die Infrastruktur und öffentliche Dienste zu investieren, was den allgemeinen wirtschaftlichen Abschwung noch verschärft.

Die jüngsten Steuererleichterungen Pekings für den Immobilien- und Grundstückshandel könnten zwar die Nachfrage stabilisieren, den langfristigen Niedergang des Sektors werden sie jedoch kaum umkehren können.

Ohne entschlossenes Handeln besteht die Gefahr, dass sich die Immobilienkrise zu einer deflationären Belastung für die gesamte Wirtschaft entwickelt.

Trumps Zölle kehren zurück

Auch das externe Umfeld wird zunehmend feindseliger. Donald Trumps Wiederwahl hat die Gefahr eines umfassenden Handelskriegs wieder aufleben lassen.

Trump hat Zölle von bis zu 60 Prozent auf chinesische Importe vorgeschlagen, was nach Einschätzung von Analysten zu einem Rückgang des chinesischen BIP-Wachstums um über 2,5 Prozentpunkte führen könnte.

Für ein Land, das ein Wirtschaftswachstum von 5 Prozent anstrebt, könnte dies verheerende Folgen haben.

Peking bereitet sich bereits auf die Auswirkungen vor. Es hat Initiativen wie die Belt and Road Initiative (BRI) vorangetrieben und seine Beziehungen zu den Schwellenmärkten vertieft.

So hat China beispielsweise vor kurzem in Peru einen 3,5 Milliarden Dollar teuren Megahafen eingeweiht, mit dem Ziel, die Handelsbeziehungen zwischen Lateinamerika und Asien zu stärken.

Diese Schritte deuten auf die Absicht Chinas hin, seine Handelsbeziehungen zu diversifizieren und die Abhängigkeit von westlichen Märkten zu verringern.

Exporteure spüren den Druck

Auch Chinas Exportsektor steht aufgrund innenpolitischer Veränderungen unter Druck.

Die Regierung hat kürzlich die Steuervergünstigungen für eine Reihe von Produkten gekürzt, darunter Aluminium, Photovoltaik und Batterien.

Aluminiumexporteure, die zwischen Januar und September 4,62 Millionen Tonnen verschifften, sehen sich mit steigenden Kosten konfrontiert, die ihre Wettbewerbsfähigkeit beeinträchtigen könnten (Shanghai Metals Market).

Exporteure von Solarmodulen geben die höheren Kosten möglicherweise an ausländische Käufer weiter, die Auswirkungen auf die Nachfrage dürften jedoch begrenzt bleiben.

In Nischensektoren wie Altspeiseöl (UCO) führten die Rabattkürzungen aufgrund der Neuverhandlung der Verträge zu Lieferverzögerungen.

Diese Veränderungen unterstreichen den Schwerpunkt Pekings auf die Bindung hochwertiger Produkte im Inland, selbst wenn dies auf Kosten kurzfristiger Exportvolumina geht.

Werden grundlegende Fragen ignoriert?

Seit über einem Jahrzehnt wird die Regierung von Xi Jinping dazu gedrängt, die strukturellen Mängel der Wirtschaft zu beheben.

Eine hohe Jugendarbeitslosigkeit, eine rasch alternde Bevölkerung und die Dominanz staatlicher Unternehmen sind seit langem bestehende Probleme.

Doch die Reformen waren bestenfalls Stückwerk.

Chinas Wirtschaftsmodell ist nach wie vor in hohem Maße auf jährliche BIP-Ziele angewiesen, die kurzfristige Konjunkturimpulse gegenüber langfristiger Nachhaltigkeit bevorzugen.

Das diesjährige 5%-Ziel hat zu politischen Maßnahmen geführt, die den Konsum und die Investitionen in die Infrastruktur ankurbeln sollen. Doch tragen diese Maßnahmen kaum dazu bei, tiefer liegende Ineffizienzen zu beseitigen.

Kritiker argumentieren, dass es Xis Regierung trotz ihrer zentralisierten Macht bislang nicht gelungen sei, die mutigen Reformen umzusetzen, die für eine Modernisierung der Wirtschaft nötig wären.

Tech-Ambitionen und geopolitische Risiken

Für das künftige Wachstum des Landes ist Chinas Streben nach einer technologischen Führungsrolle, insbesondere in den Bereichen künstliche Intelligenz (KI) und Halbleiter von zentraler Bedeutung.

Allerdings führen geopolitische Spannungen mit den USA zu Störungen der globalen Lieferketten.

Südkorea hat unter amerikanischem Druck seine Chipexporte nach China halbiert und Vietnam positioniert sich als Konkurrent in der Halbleiterfertigung.

Chinas technologische Ambitionen sind sowohl eine Chance als auch eine Schwachstelle.

Die KI-Entwicklung des Landes hängt von einer stetigen Versorgung mit hochentwickelten Chips ab, ein Bereich, in dem die USA ihre Exportkontrollen verschärfen.

Diese Einschränkungen verlangsamen nicht nur Chinas Fortschritt, sie zeigen auch, wie fragil die Abhängigkeit seines Technologiesektors von globalen Lieferketten ist.

Wachstum oder Reform?

China steht nun vor einem schwierigen Dilemma: Soll es weiterhin kurzfristigem Wachstum den Vorzug geben oder die notwendigen Risiken tiefgreifender Strukturreformen eingehen?

Die Einzelhandelsumsätze bieten einen Hoffnungsschimmer, sie sind jedoch kein Ersatz für die Lösung der systemischen Probleme, die die Produktivität und Innovation beeinträchtigen.

Die Immobilienkrise, die Verschuldung der lokalen Regierungen und eine übermäßige Abhängigkeit von Staatsunternehmen sind Hindernisse für nachhaltiges Wachstum.

Unterdessen machen externe Bedrohungen wie Trumps Zölle und die Rivalität zwischen den USA und China im Technologiesektor den Wandel nur noch dringlicher.

Trotz Xis gefestigter Macht hat es unter seiner Führung noch nicht zu bedeutenden Durchbrüchen bei den Reformen gekommen.

Angesichts der zunehmenden Vorsicht der internationalen Investoren könnte Xis Fähigkeit, mutige Reformen umzusetzen, sein Vermächtnis und die wirtschaftliche Entwicklung des Landes bestimmen.

Tatsächlich verfügt China über die Mittel, seine Wirtschaft umzugestalten. Es bleibt abzuwarten, ob der politische Wille vorhanden ist, diese Mittel auch zu nutzen.