Was ist der Grund für die Inflationssorgen in Großbritannien?
- Die Inflationsrisiken steigen aufgrund von Steuererhöhungen und globalen Handelsspannungen, einschließlich der von Trump verhängten Zölle.
- Das BIP wuchs im dritten Quartal aufgrund schwacher Dienstleistungen und einer schrumpfenden Produktion nur um 0,1 Prozent.
- Reeves‘ Haushaltsplan zielt auf Wachstum ab, birgt aber die Gefahr, die Inflation anzuheizen und die Investitionen zu verlangsamen.
Die Inflation in Großbritannien ist erneut in den Mittelpunkt des Interesses gerückt und wirft Fragen über die zukünftige Entwicklung der Wirtschaft auf.
Nach einem starken Rückgang auf 1,7 Prozent im September 2024 – und damit erstmals seit 2021 unter dem 2-Prozent-Ziel der Bank of England (BoE) – schaffen neue finanzpolitische Maßnahmen und globale Risiken neue Herausforderungen.
Daten des Office for National Statistics (ONS) zeigen einen Rückgang des BIP um 0,1 Prozent im September und ein Wachstum von nur 0,1 Prozent im dritten Quartal, was weitaus schwächer ist als die 0,5 Prozent im zweiten Quartal.
Diese Zahlen unterstreichen die Fragilität der britischen Wirtschaftserholung.
Was führt dazu, dass die Inflation wieder steigt?
Dabei spielen zwei Hauptfaktoren eine Rolle: die nationale Finanzpolitik und globale Handelsspannungen.
Rachel Reeves, die britische Finanzministerin, stellte einen großzügigen Haushalt vor, der das Wachstum ankurbeln und Finanzierungslücken schließen soll.
Allerdings ist die Entscheidung, diese Maßnahmen durch Steuererhöhungen für Arbeitgeber zu finanzieren, umstritten.
Analysten warnen, dass die gestiegenen Unternehmenskosten an die Verbraucher weitergegeben würden, was zu einem Preisanstieg für Waren und Dienstleistungen führen würde.
Darüber hinaus stellen anhaltende Lohnerhöhungen für Großbritannien eine anhaltende Herausforderung dar. Da die Wirtschaft nach wie vor unter Inflationsdruck steht, könnten Bemühungen, das Wachstum durch fiskal- und geldpolitische Maßnahmen anzukurbeln, nach hinten losgehen.
Die Bank of England (BoE) hat ihre Inflationsprognosen für die nächsten drei Jahre bereits nach oben korrigiert und dabei die inflationären Auswirkungen von Reeves‘ Politik anerkannt.
Auf globaler Ebene verstärken die geplanten Zölle des designierten US-Präsidenten Donald Trump die Inflation zusätzlich.
Sollten Großbritannien und andere Länder Vergeltungsmaßnahmen ergreifen, könnte ein Handelskrieg das Wachstum dämpfen und die Inflation in die Höhe treiben.
Unterbrochene globale Lieferketten könnten die Produktionskosten und Einzelhandelspreise erhöhen, insbesondere für importabhängige Länder wie Großbritannien.
Der Gouverneur der BoE, Andrew Bailey, warnte vor den Risiken einer wirtschaftlichen Fragmentierung, wollte sich jedoch nicht zu konkreten Spekulationen hinreißen lassen.
Für die Zukunft schätzen Ökonomen, dass die Inflation in Großbritannien bis zum dritten Quartal 2025 auf 3 Prozent steigen könnte und damit die Prognose der BoE von 2,8 Prozent übertreffen würde.
In Kombination mit den inflationären Auswirkungen der inländischen Steuererhöhungen stehen die Unternehmen vor einer doppelten Belastung: Es besteht die Sorge, dass es zu anhaltenden Preissteigerungen und einer weiteren Belastung der Haushaltsbudgets kommen könnte.
Warum verlangsamt sich das BIP-Wachstum?
Die britische Wirtschaft hat nach der Erholung Anfang 2024 Mühe, ihre Dynamik aufrechtzuerhalten.
Aus den ONS-Daten geht hervor, dass der Dienstleistungssektor, der größte Teil der Wirtschaft, im dritten Quartal stagnierte.
Gleichzeitig schrumpften die Sektoren Fertigung und Bau, was zum schwachen BIP-Wachstum von 0,1 % im dritten Quartal beitrug.
Besorgniserregend ist, dass das BIP pro Kopf im gleichen Zeitraum um 0,1 % sank und seit 2022 kein jährliches Wachstum mehr verzeichnet.
Die Erholung nach der Pandemie verlief schwächer als erwartet. Zwar liegt das BIP jetzt 3 % über dem Vor-COVID-Niveau, aber im Vergleich zu anderen Industrieländern ist dies ein bescheidener Zuwachs.
Nur Deutschland, das mit ähnlichen Herausforderungen wie steigenden Energiepreisen konfrontiert war, schnitt unter den großen Volkswirtschaften noch schlechter ab.
Der Brexit belastet Großbritannien weiterhin schwer, verschärft den Arbeitskräftemangel und stört die Handelsbeziehungen.
Die geringere Verfügbarkeit von Arbeitskräften hat bei den Unternehmen zu höheren Kosten geführt. Dieser Druck wird durch ein stärkeres Lohnwachstum weitergegeben, was die Bank of England (BoE) im Hinblick auf die Inflationskontrolle als besorgniserregend ansieht.
Die Kombination aus stagnierendem Dienstleistungssektor, einer schrumpfenden Belegschaft und geopolitischen Unsicherheiten, wie etwa der US-Handelspolitik, trübt die Wachstumsaussichten Großbritanniens.
Ist die Fiskalpolitik hilfreich oder schädlich?
Der Haushaltsplan von Rachel Reeves zielt darauf ab, das Wachstum durch erhöhte öffentliche Ausgaben und Regulierungsreformen anzukurbeln.
Es sieht eine Aufstockung der Mittel für den staatlichen Gesundheitsdienst NHS vor, ein Schritt, der nach Jahren der Sparpolitik längst überfällig war.
Ihre Entscheidung, die Sozialversicherungsbeiträge und andere Steuern der Arbeitgeber zu erhöhen, stieß jedoch auf Kritik.
Diese Maßnahmen werden als inflationär angesehen, da sie die Kosten de facto auf die Verbraucher abwälzen.
Auch Reeves stößt auf Skepsis hinsichtlich ihrer ehrgeizigen Ziele, wie etwa, in zwei aufeinanderfolgenden Jahren das höchste Pro-Kopf-BIP-Wachstum unter den G7-Ländern zu erreichen. Angesichts eines BIP-Wachstums von nur 0,1 Prozent im dritten Quartal scheint dieses Ziel in weiter Ferne.
Positiv ist zu vermerken, dass die Unternehmensinvestitionen im dritten Quartal um 1,2 % stiegen und damit vier Wachstumsquartale in Folge verzeichneten.
Analysten wie Sanjay Raja von der Deutschen Bank warnen jedoch, dass höhere Steuern für Unternehmen im Jahr 2025 zu einem Rückgang der Investitionen und der Einstellungsquote führen könnten.
Wie geht es weiter mit der britischen Wirtschaft?
Der Weg nach vorn ist ungewiss. Reeves hat versprochen, „Wachstum durch Investitionen und Reformen zu schaffen“, doch das schwache Vertrauen der Verbraucher und Unternehmen könnte den Fortschritt behindern.
Ökonomen weisen darauf hin, dass es in Großbritannien in den vergangenen sechs Monaten lediglich zwei Mal zu einem Wachstum gekommen sei, was auf tiefer liegende strukturelle Probleme schließen lässt.
Auch die BoE erwägt, ihre Geldpolitik zu bremsen.
Sie senkte den Leitzins Anfang des Monats auf 4,75%, signalisierte jedoch, dass weitere Senkungen begrenzt sein könnten.
Angesichts dieser Risiken wurden die Erwartungen der Anleger hinsichtlich Zinssenkungen bis 2025 bereits zurückgeschraubt.
Trotz der Bemühungen der Regierung und der BoE erwarten Analysten, dass das BIP-Wachstum bescheiden bleiben wird.
Prognosen lassen darauf schließen, dass Staatsausgaben und nachlassender Inflationsdruck das Wachstum kurzfristig stützen werden.
Geopolitische Risiken, mögliche Handelskriege und innenpolitische Fehltritte könnten diese Gewinne jedoch begrenzen.
Zwar hat sich die Inflation von ihrem Höchststand nach der Pandemie abgekühlt, doch neue finanzpolitische Maßnahmen und globale Handelsrisiken drohen diesen Fortschritt zunichte zu machen.
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