Die deutsche Wirtschaft steckt in großen Schwierigkeiten: Können die Wahlen eine Wende bringen?
- Die deutsche Wirtschaft schrumpft seit zwei Jahren und steht 2025 vor einem Wachstum von nahezu null.
- Bei den Wahlkämpfen werden wichtige Themen wie die „Schuldenbremse“ und der industrielle Niedergang vermieden.
- Populistische Politik gefährdet trotz Arbeitskräftemangels die qualifizierte Einwanderung.
Deutschland befindet sich mitten in der schlimmsten Wirtschaftskrise seit Jahren.
Offizielle Zahlen zeigen zwei Jahre aufeinanderfolgender BIP-Schrumpfung, und 2025 wird wahrscheinlich keine Erleichterung bringen, da ein Wachstum von nahezu null prognostiziert wird.
Nach Prognosen des IWF wird die deutsche Wirtschaft in den nächsten fünf Jahren nur um 5 % wachsen, weit unter dem EU-Durchschnitt von 8 %.
Die vorgezogenen Wahlen am 23. Februar 2025 bieten eine Gelegenheit, diese Probleme anzugehen. Doch bisher haben sich die Wahlkampagnen vermieden, sich auf die langfristigen wirtschaftlichen Herausforderungen des Landes zu konzentrieren, sodass die Wähler nur begrenzte Einblicke in die Art und Weise erhalten haben, wie die nächste Regierung diese angehen könnte.
Was ist aus „Made in Germany“ geworden?
Die deutsche Industrie macht fast 20 % des Bruttoinlandsprodukts des Landes aus, deutlich mehr als der EU-Durchschnitt von 15 %. Die Industrieproduktion ist jedoch seit 2017 rückläufig, obwohl die weltweite Produktion gestiegen ist.
Die deutsche Automobilindustrie, die das Rückgrat der Wirtschaft des Landes bildet, hat Schwierigkeiten, im Markt für Elektrofahrzeuge (EV) mitzuhalten. Letzten Monat kündigte Volkswagen an, nach Jahren des Rückstands gegenüber chinesischen Konkurrenten bei der EV-Innovation 35.000 Stellen abzubauen.
Darüber hinaus stehen 1.500 Mitarbeiter des Autozulieferers Gerhardi wegen Insolvenz vor der Entlassung. Ein weiterer großer Zulieferer, Kostal, hat Arbeitsplätze nach Osteuropa verlagert. Gewerkschaftsvertreter warnen, dass die Region zu einem „industriellen Freilichtmuseum“ werden könnte.
Die hohen Energiepreise haben die Situation verschärft. Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine verlor Deutschland den Zugang zu billigem russischem Gas, was die Kosten für energieintensive Industrien erhöhte.
Die deutsche Wirtschaft: Wie schlimm ist es?
Die deutsche Wirtschaft ist laut Carsten Brzeski, Ökonom bei ING, jetzt wieder so groß wie Anfang 2020. Damit ist sie seit fünf Jahren stagniert.
Das Land steht unter zunehmendem Druck aus dem Ausland, da sich China von einem wichtigen Exportziel zu einem erbitterten Konkurrenten entwickelt hat.
Unterdessen könnten die protektionistischen US-Politiken unter Präsident Donald Trump der deutschen Wirtschaft 1 % des BIP und 300.000 Arbeitsplätze kosten, wenn Zölle auf deutsche Exporte eingeführt werden.
Die wirtschaftliche Verlangsamung Deutschlands ist nicht nur auf äußere Einflüsse zurückzuführen. Auch jahrzehntelanger Unterinvestitionen in die Infrastruktur haben ihren Tribut gefordert.
Züge fahren häufig mit Verspätung, die Internetverbindung hinkt hinter der anderer europäischer Länder hinterher und dem Land fehlen ausreichend Ladestationen, um die Einführung von Elektrofahrzeugen zu unterstützen.
Gleichzeitig verschärfen sich die demografischen Herausforderungen. Der demografische Wandel und der Fachkräftemangel bedrohen das langfristige Wachstum Deutschlands.
Die Bertelsmann Stiftung schätzt, dass Deutschland bis 2040 jährlich 288.000 Fachkräfte aus dem Ausland braucht, um einen Rückgang der Erwerbsbevölkerung um 10 Prozent zu verhindern.
Doch die Einwanderung ist zu einem spaltenden politischen Thema geworden, und die Unterstützung für die rechtsextreme Alternative für Deutschland (AfD) nimmt zu.
Wahlversprechen: Tatsache oder Fiktion?
Der Wahlkampf 2025 wird von Versprechen dominiert, aber nur wenige davon befassen sich mit den strukturellen Problemen Deutschlands.
Friedrich Merz, Vorsitzender der konservativen CDU/CSU und Favorit auf das Amt des nächsten Bundeskanzlers, hat Steuersenkungen für Unternehmen und höhere Verteidigungsausgaben versprochen.
Er hat sich jedoch Diskussionen über eine Lockerung der deutschen Schuldenbremse, die das Haushaltsdefizit auf 0,35 Prozent des Bruttoinlandsprodukts begrenzt, entzogen.
Das CDU/CSU-Manifest betont bedingte Entwicklungshilfe, die mit der Bekämpfung illegaler Migration und der Verringerung des geopolitischen Einflusses Russlands und Chinas verknüpft ist.
Die Sozialdemokratische Partei (SPD) unter der Führung von Bundeskanzler Olaf Scholz schlägt vor, die Reichen zu besteuern, um Investitionen in grüne Energie, Bildung und Infrastruktur zu finanzieren.
Ihre Bilanz der drei Jahre an der Macht ist jedoch durch Untätigkeit bei wichtigen Reformen getrübt und hat ihre Glaubwürdigkeit geschwächt.
Während die SPD eine feministische Außenpolitik und eine globale Besteuerung der Superreichen betont, haben diese Vorschläge angesichts der Skepsis der Wähler hinsichtlich ihrer Fähigkeit, einen bedeutsamen Wandel herbeizuführen, kaum an Fahrt gewonnen.
Die Grünen haben sich auf Klimaschutz und die Unterstützung der Ukraine konzentriert, sich für eine verstärkte internationale Klimafinanzierung eingesetzt und feministische und dekoloniale Ansätze in ihre Entwicklungsagenda aufgenommen.
Es hat sich jedoch als schwierig erwiesen, diese Prioritäten mit den fiskalischen Zwängen in Einklang zu bringen. Mit einer Umfrageergebnisse von etwa 13 % werden die Grünen möglicherweise Schwierigkeiten haben, genügend Einfluss zu erlangen, um ihre Politik in einer künftigen Koalition durchzusetzen.
Unterdessen profitiert die Alternative für Deutschland (AfD ) von der Angst der Wähler, insbesondere in Bezug auf Migration.
Mit 20 Prozent Zustimmung hat die rechtsextreme Partei strenge Einwanderungsbeschränkungen, eine Reduzierung der Entwicklungshilfe und Maßnahmen gegen die kulturellen Aspekte ausländischer Finanzierung vorgeschlagen.
Allerdings bietet die AfD für die tieferen wirtschaftlichen Probleme Deutschlands kaum konkrete Lösungen, sondern setzt stattdessen auf populistische Rhetorik.
Die FDP, die in Umfragen bei 4 % liegt und Gefahr läuft, die Bundestagshürde nicht zu überspringen, plädiert für Kürzungen der Entwicklungsbudgets und die Einbindung der Entwicklungspolitik in breitere außen- und sicherheitspolitische Rahmen.
Dies steht im Einklang mit ihrem Fokus auf fiskalische Sparsamkeit, geht jedoch nicht auf die Investitionsbedürfnisse Deutschlands ein.
Das Dilemma der deutschen Schuldenbremse
Die deutschen Fiskalregeln stellen ein großes Hindernis für Investitionen dar.
Die „Schuldenbremse“ ist seit 2009 in Kraft und begrenzt die öffentliche Verschuldung, selbst bei dringenden Bedürfnissen.
Ökonomen argumentieren, dass Deutschland aufgrund jahrzehntelanger Unterinvestitionen über eine marode Infrastruktur und veraltete Technologie verfügt.
Eine Studie schätzt, dass Deutschland in den nächsten zehn Jahren 600 Milliarden Euro öffentliche Investitionen braucht, nur um die Systeme für Bildung, Verkehr und Klimaschutz zu modernisieren. Dies würde eine jährliche Investition von 1,5 % des BIP erfordern – weit über dem aktuellen Niveau.
Ein weiterer Druckpunkt ist die Verteidigungsausgabe. Die Erreichung des NATO-Ziels von 2 % des BIP erfolgte mit Hilfe eines Sonderfonds in Höhe von 100 Milliarden Euro, der 2026 ausläuft.
Experten sagen, Deutschland müsse 3 % seines BIP ausgeben, um eine moderne Streitmacht aufrechtzuerhalten, was jährlich zusätzliche 70 Milliarden Euro bedeuten würde.
Das Einwanderungsparadoxon Deutschlands
Mehr als ein Drittel der deutschen Unternehmen hat Schwierigkeiten, qualifizierte Mitarbeiter zu finden, so das Ifo-Institut.
Doch die öffentliche Diskussion übersieht oft die wirtschaftlichen Beiträge der Einwanderer.
Beispielsweise sind 89 % der syrischen Männer, die zwischen 2014 und 2016 eingereist sind, heute erwerbstätig, was die potenziellen Vorteile einer gut gemanagten Einwanderungspolitik zeigt.
Der Aufstieg der AfD mit ihrer Anti-Einwanderungs-Haltung hat die etablierten Parteien jedoch zu strengeren Richtlinien getrieben.
Die CDU/CSU hat einen „de facto Einwanderungsstopp“ und strengere Asylregeln vorgeschlagen, etwa eine Begrenzung der Familienzusammenführung und eine Beschleunigung der Abschiebungen.
Im Gegensatz dazu haben die Grünen und die SPD die Bedeutung einer qualifizierten Einwanderung betont, um Lücken in der Arbeitskräfteversorgung zu schließen.
Ihre Botschaften werden jedoch oft von der lauteren, populistischeren Rhetorik der AfD übertönt.
Deutschland: ein Land auf der Suche nach Orientierung
Bei den Wahlkämpfen sind die strukturellen Probleme Deutschlands weitgehend ausgeklammert worden. Die Politiker versprechen weiterhin Steuererleichterungen und Sozialleistungen, ohne die Notwendigkeit erheblicher Reformen anzusprechen.
Jahrzehntelang stand „Made in Germany“ für Innovation, Stärke und Zuverlässigkeit. Es war nicht nur ein Slogan, sondern ein Versprechen an die Welt und eine Quelle des Stolzes im eigenen Land. Doch heute, da Fabriken schließen und die Industrie zu kämpfen hat, sind viele Deutsche pessimistisch in Bezug auf die Zukunft.
Bei dieser Wahl geht es nicht nur um Politik oder Parteiprogramme. Es geht um Identität. Wird diese Wahl den Weg in die Zukunft weisen – oder wird Deutschland im Rückspiegel nach sich selbst suchen?
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