Vom Titan zum Ziel: Zerbricht die UnitedHealth Group?

Vom Titan zum Ziel: Zerbricht die UnitedHealth Group?
Dionysis Partsinevelos
15. Mai 2025, 12:34 PM
  • UnitedHealth zog seine Prognose für 2025 zurück und CEO Andrew Witty trat angesichts steigender Medicare-Kosten zurück.
  • Eine bundesstaatliche strafrechtliche Untersuchung zielt auf die Abrechnungspraktiken von UnitedHealth bei Medicare Advantage ab.
  • Die Aktie hat seit Jahresbeginn mehr als 50 % an Wert verloren, und es ist kein Ende des Kursverfalls oder ein klarer Erholungspfad in Sicht.

UnitedHealth Group (UNH) genießt das größte Vertrauen im amerikanischen Gesundheitswesen.

Ein großes, berechenbares und profitables Unternehmen. Eine Aktie, auf die sich Institutionen stützten, als alles andere unsicher war.

Nun, innerhalb weniger Monate ist dieses Vertrauen verschwunden.

Das Unternehmen hat fast die Hälfte seines Marktwerts verloren. Der CEO ist weg. Die Prognose wurde zurückgezogen. Und hinter all dem steht eine strafrechtliche Untersuchung, die das Unternehmen in eine veritable Krise stürzt.

Gibt es ein tieferliegendes Problem mit den Geschäftspraktiken des Unternehmens? Handelt es sich um ein betrügerisches Unternehmen? Und was am wichtigsten ist: Sollten Anleger das Schlimmste befürchten?

Was hat den Zusammenbruch ausgelöst?

Am 17. April veröffentlichte UnitedHealth überraschend enttäuschende Quartalsergebnisse und senkte seine Gewinnprognose für das Gesamtjahr drastisch.

Das Unternehmen gab an, dass die medizinischen Kosten schneller als erwartet steigen, insbesondere bei Mitgliedern von Medicare Advantage.

Allein diese Ankündigung löschte an einem einzigen Tag 20 % des Aktienwerts aus.

Weniger als einen Monat später sorgte das Unternehmen für den nächsten Paukenschlag. CEO Andrew Witty trat überraschend zurück, und UnitedHealth setzte seine Prognose für 2025 komplett aus.

Dies war das erste Mal seit Menschengedenken, dass ein großes amerikanisches Gesundheitsunternehmen seine Prognose vollständig zurückgezogen hat.

Stephen Hemsley, der ehemalige CEO, der das Unternehmen von 2006 bis 2017 leitete, kehrte zurück, um die Führung zu übernehmen.

Doch im Alter von 72 Jahren stuften Analysten dies sofort als eine vorübergehende Notlösung und nicht als einen langfristigen Plan ein.

Mitte Mai waren die Aktien des Unternehmens im bisherigen Jahresverlauf um mehr als 50 % gefallen. Dies war nicht nur eine Überreaktion des Marktes. Es stimmte etwas Grundlegendes nicht.

Diesen Ereignissen ging eine Reihe von Krisen voraus, die das Vertrauen bereits erschüttert hatten. Anfang 2024 störte ein Cyberangriff auf die Technologieeinheit von UnitedHealth die Zahlungssysteme und betraf fast 190 Millionen Menschen im ganzen Land.

Dann, im Dezember, wurde Brian Thompson, der CEO von UnitedHealthcare, der riesigen Versicherungssparte des Unternehmens, nur wenige Tage vor einer wichtigen Investorenkonferenz in New York ermordet.

Der Vorfall machte landesweit Schlagzeilen und fügte einem sich ohnehin schon verschlechternden Bild eine weitere Ebene persönlicher Tragödie und Sicherheitsbedenken hinzu.

Warum ist Medicare Advantage plötzlich ein Problem?

Das größte Geschäftsfeld von UnitedHealth ist Medicare Advantage, das staatlich finanzierte Versicherungsprogramm, das mittlerweile mehr als die Hälfte aller amerikanischen Senioren abdeckt.

Das Unternehmen verdient damit mehr als 100 Milliarden Dollar pro Jahr.

Das Modell ist einfach: Die Regierung zahlt Versicherern mehr für die Versorgung von Patienten mit komplexeren Erkrankungen. Je kränker der Patient, desto höher die Zahlung.

Dieses Modell setzt jedoch eine akkurate und ehrliche Meldung der Patientendiagnosen voraus. Und nun untersucht das Justizministerium, ob UnitedHealth das System manipuliert hat.

Laut dem Wall Street Journal untersucht die Strafverfolgungsabteilung des US-Justizministeriums (DOJ) für Betrug im Gesundheitswesen die Abrechnungspraktiken des Unternehmens seit mindestens Mitte 2024.

Die Frage ist, ob UnitedHealth überhöhte oder unbegründete Diagnosen eingereicht hat, um seine Medicare-Erstattungen in die Höhe zu treiben.

Diese Art von Upcoding, bei der Patienten beispielsweise als kränker dargestellt werden, als sie tatsächlich sind, ist ein wachsendes Problem in der Branche.

Aber die Tatsache, dass das US-Justizministerium einen Strafprozess und nicht nur einen Zivilprozess anstrebt, verändert die Ausgangslage komplett.

UnitedHealth sagt, es sei nicht über eine strafrechtliche Untersuchung informiert worden. Interne E-Mails des Unternehmens, die in einer Aktionärsklage offengelegt wurden, deuten jedoch auf etwas anderes hin.

Eine E-Mail vom März zeigt, dass ein Unternehmensanwalt bestätigte, dass die Regierung begonnen hatte, Fragen zu den Abrechnungspraktiken von Optum zu stellen.

Optum ist der Geschäftsbereich für Gesundheitsdienstleistungen von UnitedHealth, zu dem unter anderem die Arztgruppen und Kodierungssysteme gehören.

Ist das nur ein Problem von UnitedHealth?

Das macht die Situation umso besorgniserregender. Als UnitedHealth erstmals vor höheren Kosten warnte, befürchteten Investoren, dass der gesamte Krankenversicherungssektor in Schwierigkeiten stecken könnte.

Seitdem haben jedoch Konkurrenten wie Humana und Elevance Health über stabile Kostentrends berichtet. Sie sehen nicht den gleichen Anstieg bei komplexen Fällen oder neuen Patientenkosten.

Dies deutet darauf hin, dass das Problem nicht systemisch ist, sondern möglicherweise spezifisch für UnitedHealth.

Mehrere Analysten sind der Ansicht, dass das Unternehmen seine Medicare Advantage-Pläne im letzten Jahr zu niedrig angesetzt hat und nun die Quittung dafür erhält. Das deutet auf schlechtes Management hin, nicht auf Pech.

Selbst Optum, der Teil des Unternehmens, der eigentlich stabil und mit hohen Gewinnmargen sein sollte, zeigt Risse.

Das Unternehmen warnte kürzlich vor „unvorhergesehenen Änderungen“ bei der Vergütung im Jahr 2025. Das könnte ein stillschweigender Hinweis auf bevorstehende Richtlinienänderungen des CMS oder auf den wachsenden rechtlichen Druck des DOJ und des Kongresses sein.

Was können wir aus der Vergangenheit lernen?

Die Situation erinnert an einen früheren Fall von Medicare-Betrug, wie beispielsweise den Fall WellCare Health Plans im Jahr 2007.

Wie UnitedHealth wurde auch WellCare beschuldigt, Daten des staatlichen Gesundheitswesens gefälscht zu haben, um die Gewinne zu steigern.

Als das US-Justizministerium die Anklagepunkte bekannt gab, stürzte die WellCare-Aktie innerhalb weniger Tage um 82 % ab. Sie erholte sich schließlich wieder, aber das dauerte fast ein Jahrzehnt.

Die wichtigste Lehre aus diesem Fall ist, dass Unternehmen die Kontrolle über den Zeitplan verlieren, sobald das US-Justizministerium mit den Ermittlungen beginnt.

Vergleiche dauern Jahre. Rechtliche Unsicherheit hält Investoren auf Distanz. Und Reputationsschäden sind schwer wieder gutzumachen, besonders wenn Steuergelder im Spiel sind.

Anlegerausblick: Tiefes Risiko, kein Boden in Sicht

Unsicherheit ist nie gut für eine Aktie. Selbst nicht für eine Aktie, die so profitabel bleibt wie die von Unitedhealth Group.

Das Unternehmen steht nun vor einer Führungskrise. Ein Führungswechsel während eines Gewinneinbruchs ist schon schlimm genug, aber ein Führungswechsel während einer möglichen strafrechtlichen Untersuchung ist noch schlimmer.

Und obwohl Witty seinen Ausstieg als persönliche Entscheidung bezeichnete, fragen sich nun viele, ob er im Zusammenhang mit den Ermittlungen steht oder nicht.

Noch wichtiger ist, dass sich Investoren fragen, ob weitere schlechte Nachrichten bevorstehen.

Darüber hinaus hat das Fehlen eines klaren Nachfolgeplans die Verunsicherung der Investoren noch verstärkt, da Hemsley voraussichtlich keine langfristige Lösung sein wird.

Die Realität ist, dass UnitedHealth kein sicherer Zinseszinsbringer mehr ist. Es ist jetzt eine risikoreiche Angelegenheit ohne klare Untergrenze.

Die Prognose wurde zurückgezogen. Es läuft eine strafrechtliche Untersuchung. Und die wichtigste Einnahmequelle steht sowohl regulatorisch als auch politisch unter Beschuss.

Es besteht kein Zweifel, dass UnitedHealth immer noch ein Gigant ist. Aber genau das, was das Unternehmen so mächtig gemacht hat, nämlich seine Dominanz in einem staatlich finanzierten Markt, macht es jetzt verwundbar.

Die politische Stimmung ändert sich. Gesetzgeber hinterfragen offen, wie diese Versicherer Geld verdienen.

Und das US-Justizministerium konzentriert sich nicht mehr nur auf unseriöse Anbieter. Es geht jetzt gegen die Versicherer selbst vor.

Für langfristige Investoren könnte sich hier eine Gelegenheit bieten. Wenn das Unternehmen Anklagen vermeidet oder eine Vereinbarung über eine aufgeschobene Strafverfolgung aushandelt, könnte sich der Aktienkurs erholen. Das ist jedoch eine spekulative Wette in einem volatilen Umfeld.

Es geht nicht nur darum, ob UnitedHealth Betrug begangen hat. Es geht darum, ob das Unternehmen die Öffentlichkeit, die Aufsichtsbehörden und die Investoren davon überzeugen kann, dass es weiterhin den Vorteil des Zweifels verdient. Derzeit sieht das nach einer sehr schwierigen Aufgabe aus.