Warum fällt die Eurozone im weltweiten Wirtschaftsvergleich zurück?
- Die Industrieproduktion in der Eurozone ging im September um 2,0 Prozent zurück, wobei Deutschland den größten Rückgang verzeichnete.
- Die Inflation dürfte bis 2025 auf 2,4 Prozent zurückgehen, die schwachen Konsumausgaben bremsen die Erholung jedoch.
- Die geplanten US-Zölle drohen den Handel zwischen der EU und den USA im Volumen von 850 Milliarden Euro zu beeinträchtigen.
Die Wirtschaft der Eurozone hat mit immer mehr Herausforderungen zu kämpfen, die von der sinkenden Industrieproduktion bis hin zu zunehmenden globalen Handelsspannungen reichen.
Die Industrieproduktion geht zurück, die Wachstumsprognosen werden nach unten korrigiert und die größte Volkswirtschaft der Region hat Mühe, mit der globalen Konkurrenz Schritt zu halten.
Hinzu kommt das Schreckgespenst des protektionistischen Handels der USA. Für die wirtschaftliche Zukunft Europas könnte kaum mehr auf dem Spiel stehen.
Trotz rekordniedriger Arbeitslosigkeit und sinkender Inflation bleibt der Weg zur Erholung ungewiss.
Müssen die Europäer befürchten, gegenüber dem Rest der Welt ins Hintertreffen zu geraten?
Was sind die Ursachen für die Flaute in der Industrie?
Laut Eurostat sank die Industrieproduktion in der Eurozone im September um 2,0 Prozent, was einen der stärksten monatlichen Rückgänge der letzten Jahre darstellt.
Der Rückgang war in allen wichtigen Sektoren spürbar; die größten Einbußen erlitten die Bereiche Investitionsgüter und Energieproduktion.
Im Vergleich zum Vorjahr ist die Industrieproduktion um 2,8 Prozent zurückgegangen, was die Tiefe der Rezession in diesem Sektor unterstreicht.
Hohe Energiekosten sind insbesondere für energieintensive Industrien eine dauerhafte Belastung.
Geopolitische Spannungen, darunter der Krieg in der Ukraine, haben die Lieferketten unterbrochen und die Preise hoch gehalten.
Gleichzeitig hat die schwache Nachfrage aus China diese Probleme noch verschärft, insbesondere für die krisengebeutelte Automobilbranche der Eurozone, deren weltweite Verkäufe ins Stocken geraten sind.
Die strukturellen Probleme im Industriesektor werfen ein Schlaglicht auf ein größeres Problem: die starke Abhängigkeit der Eurozone von der externen Nachfrage.
Angesichts der sich weltweit abschwächenden Wirtschaftslage ist die Region aufgrund ihrer Exportabhängigkeit anfällig für externe Schocks.
Welchen Anteil hat Deutschland an der Rezession?
Deutschland, der Wirtschaftsmotor der Eurozone, befindet sich im Zentrum ihres industriellen Niedergangs.
Im September schrumpfte die deutsche Industrieproduktion um 2,7 Prozent. Dies ist der stärkste Rückgang unter den großen Volkswirtschaften der Eurozone.
Die Prognosen für das deutsche Wirtschaftswachstum sind düster: Für 2024 wird ein Rückgang von 0,1 Prozent und für 2025 ein Wachstum von lediglich 0,7 Prozent erwartet.
Zu dieser Underperformance tragen mehrere Faktoren bei.
Das deutsche verarbeitende Gewerbe, insbesondere die Automobil- und Maschinenbauindustrie, ist einer starken Konkurrenz durch ausländische Konkurrenten ausgesetzt.
Der Mangel an Arbeitskräften im Bausektor verschärft die wirtschaftlichen Probleme des Landes zusätzlich.
Darüber hinaus hat die geopolitische Unsicherheit das Vertrauen der Anleger stark beeinträchtigt und wichtige Industrieprojekte zum Stillstand gebracht.
Eine weitere Herausforderung ist die politische Instabilität.
Nach dem Rücktritt der Koalitionspartner hat Bundeskanzler Olaf Scholz für Februar 2025 vorgezogene Neuwahlen ausgerufen.
Diese politischen Turbulenzen sorgen in einer Zeit für zusätzliche Unsicherheit, in der die deutsche Wirtschaft dringend eine klare und entschlossene Führung braucht.
Ist die Inflation unter Kontrolle?
Nach einem Höchststand von 9,2 Prozent im Jahr 2022 dürfte die Inflation in der Eurozone bis 2025 auf 2,4 Prozent zurückgehen und im vierten Quartal desselben Jahres das Ziel der Europäischen Zentralbank von 2,0 Prozent erreichen.
Die Hauptursache für diesen disinflationären Trend waren sinkende Energie- und Nahrungsmittelpreise.
Dies verschafft den Haushalten und Unternehmen zwar eine gewisse Erleichterung, hat sich jedoch nicht in einer kräftigen Erholung der Verbraucherausgaben niedergeschlagen.
Trotz der rekordniedrigen Arbeitslosigkeit von 5,9% sparen die Haushalte mehr als erwartet, was auf ein relativ pessimistisches Verhalten aufgrund der wirtschaftlichen Unsicherheit schließen lässt.
Diese Ausgabenzurückhaltung hat das konsumgetriebene Wachstum in der Eurozone gebremst, das traditionell ein wichtiger Motor des BIP der Eurozone ist.
Welche Risiken birgt ein Handelskrieg?
Aufgrund ihrer offenen Wirtschaft reagiert die Eurozone höchst sensibel auf die globale Handelspolitik, und die Aussicht auf US-Zölle wird immer größer.
Der designierte Präsident Donald Trump hat angekündigt, Einfuhrzölle von zehn Prozent auf Waren, darunter auch solche aus der EU, zu erheben.
Angesichts eines Warenhandels im Wert von 850 Milliarden Euro (898 Milliarden US-Dollar) zwischen den beiden Volkswirtschaften könnten die Auswirkungen gravierend sein.
Deutschland, dessen Wirtschaft stark vom Export abhängig ist, ist besonders gefährdet.
Nach Schätzungen der Bundesbank könnten diese Zölle das deutsche BIP um 1,0 Prozent schmälern und die bestehenden Probleme des Landes damit noch verschärfen.
EU-Vertreter warnten, eine Zunahme protektionistischer Maßnahmen könne den Welthandel gefährden und die ohnehin fragile Erholung der Eurozone weiter schwächen.
Gibt es Lichtblicke?
Nicht alle Euroländer stehen vor den gleichen Schwierigkeiten. Spanien ragt als Erfolgsgeschichte hervor. Dort wird für 2024 ein BIP-Wachstum von 3,0% und für 2025 von 2,3% erwartet.
Der starke Tourismus und staatlich geleitete Investitionsinitiativen sind die Hauptgründe für die robuste Entwicklung.
Auch in Italien und Frankreich sind leichte Verbesserungen zu verzeichnen.
In Italien wird mit einem Anstieg des Wirtschaftswachstums von 0,7 Prozent im Jahr 2024 auf 1,0 Prozent im Jahr 2025 gerechnet. Frankreich hat zwar weiterhin mit haushaltspolitischen Herausforderungen zu kämpfen, befindet sich jedoch weiterhin auf dem Weg einer allmählichen Erholung.
Eine niedrigere Inflation und verbesserte Kreditbedingungen dürften das Investitionswachstum in der gesamten Region fördern und bieten damit einen Hoffnungsschimmer.
Was hält die Zukunft für Europa bereit?
Die Erholung der Eurozone hängt von der Beseitigung ihrer strukturellen Schwachstellen ab.
Hohe Energiekosten, eine schwache industrielle Nachfrage und geopolitische Spannungen bleiben weiterhin erhebliche Herausforderungen.
Aufgrund ihrer Abhängigkeit vom Welthandel ist die Region besonders anfällig für Veränderungen in der US-Handelspolitik, insbesondere angesichts der geplanten Zölle, die wichtige Exportbranchen bedrohen.
Um die Wettbewerbsfähigkeit zu steigern, die Energiekosten zu senken und die Binnennachfrage anzukurbeln, sind Strukturreformen erforderlich.
Zwar geben die niedrigere Inflation und die verbesserten Investitionsbedingungen Anlass zu Optimismus, doch wird der Weg der Eurozone zu nachhaltigem Wachstum von ihrer Fähigkeit abhängen, sich sowohl an interne als auch an externe Zwänge anzupassen.
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