Wie Trumps „America First“-Politik Europa zum Erwachsenwerden zwingt
- Trumps Außenpolitik entfernt die USA von der NATO und nähert sie Russland an, was die europäische Verteidigung verunsichert.
- Deutschland und die EU planen rekordverdächtige Verteidigungs- und Wirtschaftsreformen, um die Lücke zu schließen, die Amerika hinterlassen hat.
- Europas interne Spaltungen und die Spannungen um den Brexit treten wieder zutage, während es versucht, seine Rolle ohne die Unterstützung der USA neu zu definieren.
Der Slogan „America First“ wurde erstmals als Wahlkampfmotto von Donald Trump verwendet. Mittlerweile ist er das bestimmende Merkmal der US-Außenpolitik.
Es ist auch der Grund, warum sich die USA von Europa abwenden und die NATO und die Europäische Union dazu zwingen, ihre Zukunft ohne garantierte amerikanische Unterstützung neu zu überdenken.
Diese Veränderung ist nun offensichtlich, da die US-Hilfe für die Ukraine ins Stocken gerät und die NATO-Einheit unter Druck steht.
Europas militärische Abhängigkeit, wirtschaftliche Verwundbarkeit und interne Spaltungen sind nun offenkundig.
Aber dieser Schock könnte auch der Katalysator sein, den Europa brauchte, um eine einheitlichere und selbstständigere Macht zu werden.
Warum wendet sich Amerika von Europa ab?
Seit 1945 ist die transatlantische Beziehung der Eckpfeiler der westlichen Sicherheit. Unter Trump bröckelt diese Beziehung rapide.
Die USA reduzieren ihre militärische Präsenz in Europa, gefährden damit NATO-Verpflichtungen und ziehen ihre Unterstützung für die Ukraine zurück.
Berichte deuten darauf hin, dass Trump einen Abzug amerikanischer Truppen aus Schlüsselregionen wie dem Baltikum diskutiert hat, während die Ukraine bei den jüngsten Friedensgesprächen mit Russland außen vor gelassen wurde.
Trump hat die Ukraine auch offen für den Krieg verantwortlich gemacht; eine Behauptung, die nicht durch Fakten gestützt wird und selbst von vielen seiner eigenen Anhänger zurückgewiesen wird.
Umfragen zeigen, dass die meisten Amerikaner die NATO weiterhin befürworten. Eine Gallup-Umfrage ergab, dass die öffentliche Unterstützung für das Bündnis stabil geblieben ist.
Dennoch spielt die Außenpolitik bei US-Wählern kaum eine Rolle, wenn sie nach den wichtigsten Prioritäten des Landes gefragt werden.
Dies eröffnet der Trump-Regierung die Möglichkeit, die globale Politik ohne nennenswerten Widerstand im Inland neu zu gestalten.
Doch Trumps Kurswechsel ist nicht nur taktischer Natur. Er zeigt einen breiteren ideologischen Rückzug in den Isolationismus, der an das Amerika vor dem Zweiten Weltkrieg erinnert.
Trumps „America First“-Politik erinnert an Charles Lindberghs Bewegung der 1930er Jahre, die argumentierte, die USA sollten Europa seine eigenen Angelegenheiten regeln lassen und sich ausschließlich auf die Verteidigung der westlichen Hemisphäre konzentrieren.
In der Praxis bedeutet dies, dass Europa externen Bedrohungen, insbesondere aus Russland, ausgesetzt bleibt, während Washington sich nach innen konzentriert und nach Möglichkeiten sucht, Abkommen mit ehemaligen Rivalen zu schließen.
Warum stellt sich Trump auf die Seite Russlands?
Es gibt zwei konkurrierende Theorien, warum Trump sich jetzt Russland zuwendet.
Eine ist geopolitischer Natur. Trump könnte eine „umgekehrte Kissinger“-Strategie verfolgen. Das bedeutet, Russland zu umwerben, um Chinas wachsende Macht in Asien zu schwächen.
Während des Kalten Krieges spielte Henry Kissinger China gegen die Sowjetunion aus.
Trump könnte hoffen, Russland auf seine Seite zu ziehen oder es zumindest in einem zukünftigen Konflikt zwischen den USA und China in die Neutralität zu drängen.
Die zweite Theorie ist ideologischer Natur. Trumps innerer Kreis betrachtet Russland zunehmend als kulturellen Verbündeten.
In amerikanischen rechtsgerichteten Medien wird Russland oft als Verteidiger „traditioneller Werte“ dargestellt.
Trump-Verbündete wie Tucker Carlson und Steve Bannon loben regelmäßig Russlands konservative Haltung zu Geschlecht, Familie und Religion.
Die Erzählung stellt Russland als Bollwerk gegen westlichen Liberalismus und sozialen Progressivismus dar, der manchmal als „Wokeness“ bezeichnet wird.
Europa hingegen wird von Teilen der amerikanischen Rechten mit Misstrauen betrachtet.
Mit seinen säkularen Gesellschaften, Sozialmodellen und liberalen Werten ist Europa zu einem kulturellen Gegenpol geworden.
Unabhängig davon, welche Theorie mehr Gewicht hat, ist das Ergebnis dasselbe.
Trumps Regierung betrachtet Russland als Partner, dem man entgegenkommen sollte, selbst auf Kosten historischer europäischer Verbündeter.
Europas zögerlicher Wendepunkt
Trumps Kurswechsel ist schmerzhaft für Europa, aber auch überfällig. Jahrzehntelang hat Europa zu wenig in die Verteidigung investiert und sich auf den US-amerikanischen Sicherheitsschirm verlassen.
Nun wird dieses Sicherheitsnetz weggezogen.
Deutschland führt die Reaktion an. Nachdem Friedrich Merz nach den jüngsten Wahlen Olaf Scholz als Bundeskanzler ablösen soll, bereitet Berlin eine deutliche Erhöhung der Verteidigungs- und Infrastrukturausgaben vor.
Die wirtschaftlichen Auswirkungen sind bereits spürbar. Goldman Sachs hat seine Prognose für das deutsche BIP-Wachstum im Jahr 2027 um einen ganzen Prozentpunkt angehoben und dabei den erwarteten Schub durch Verteidigungs- und öffentliche Investitionen angeführt.
Wichtiger noch ist, dass Merz' Position ihn mit Frankreichs Emmanuel Macron in Einklang bringt, der sich seit langem für „strategische Autonomie“ einsetzt, bei der Europa weniger von Washington abhängig wäre.
Die Europäische Kommission bewegt sich ebenfalls.
Ursula von der Leyen hat Vorschläge für zusätzliche Verteidigungsausgaben in Höhe von bis zu 800 Milliarden Euro skizziert, die über eine neue EU-Kreditfazilität und Änderungen der Haushaltsregeln finanziert werden sollen, wobei Verteidigungsausgaben von den nationalen Kreditaufnahmegrenzen ausgenommen würden.
Zum ersten Mal seit dem Kalten Krieg scheint Europa ernsthaft an der Stärkung seines Sicherheitsapparats zu arbeiten.
Der Wirtschaftskampf: Kann Europa die USA einholen?
Sicherheit ist nur ein Teil der Geschichte. Europa steht auch vor einer wirtschaftlichen Herausforderung.
Berichte der ehemaligen italienischen Ministerpräsidenten Mario Draghi und Enrico Letta haben die Rückständigkeit Europas in den Bereichen Innovation, Produktivität und Kapitalbildung im Vergleich zu den Vereinigten Staaten offengelegt.
Die Europäische Union kämpft seit langem mit der Fragmentierung des Binnenmarktes, die das Wachstum bremst.
Laut von Draghi zitierten IWF-Daten schaffen Barrieren innerhalb der EU den Gegenwert eines 45-prozentigen Zolls auf den innereuropäischen Handel.
Brüssel treibt die Bemühungen zur Vertiefung des Binnenmarktes voran, insbesondere in den Bereichen Finanzdienstleistungen, Energie und Digitales.
Eine neu positionierte „Spar- und Investitionsunion“ zielt darauf ab, Europas großen Sparüberschuss – von dem ein Großteil derzeit in den USA investiert wird – in inländische Wachstumsprojekte zu lenken.
Doch die Hindernisse sind bekannt. Nationaler Protektionismus, schwerfällige Institutionen und politische Zersplitterung sind schwer zu überwinden.
Die von Trump ausgelöste Krise könnte den Wandel beschleunigen, aber der Erfolg wird die Überwindung langjähriger Gewohnheiten erfordern.
Der britische Faktor: Eine neue Brücke oder mehr Reibung?
Es gibt einen unerwarteten Vorteil. Die Spannungen zwischen London und Brüssel aus der Brexit-Ära lassen nach.
Das Vereinigte Königreich ist mittlerweile ein wichtiger Partner in Europas Reaktion auf den Ukraine-Krieg, und viele EU-Staaten fordern einen tiefergehenden Sicherheitsvertrag zwischen dem Vereinigten Königreich und der EU.
Keir Starmers diplomatischer Vorstoß hat geholfen. Britische Unternehmen könnten bald Zugang zu gemeinsamen EU-Verteidigungsbeschaffungsprogrammen erhalten, obwohl das Vereinigte Königreich außerhalb des Blocks bleibt.
Einige EU-Mitglieder wie Frankreich lehnen jedoch weiterhin einen vollständigen Zugang Großbritanniens zu gemeinsamen Verteidigungsfonds ab.
Die Situation könnte sich verschlimmern , wenn Trump die EU mit Handelszöllen belegt und Druck auf Großbritannien ausübt, sich in Bezug auf Brüssel an Washington anzulehnen.
Europas Führungskräfte sollten Entscheidungen treffen, die sie lange hinausgezögert haben, von der Aufrüstung bis zur Umstrukturierung der Wirtschaftspolitik.
Ob diese Krise zu einer echten Integration führt oder tiefere Spaltungen aufdeckt, bleibt abzuwarten.
Der Westen mag sich spalten. Aber damit könnte er auch die Bühne für eine Neuerfindung Europas bereiten.
Asiatische Aktienrally treibt Hang Seng, Kospi und Nikkei 225 wegen US‑Iran‑Hoffnungen
Nikkei 225 und Kospi steigen stark, japanische und südkoreanische Renditen stürzen
Xi empfing zuerst Trump, dann Putin – und zeigte Chinas Einfluss
Zimbabwe ZiG: Goldgedeckte Währung trotz Risiken stabil
Nifty 50 gefährdet: steigende indische Anleiherenditen und Rupie-Crash
Keine Ergebnisse gefunden
Artikel werden geladen...
Failed to load articles. Please try again.